Der Kochlöffel

Ein Gemeindemittagstisch namens "Kochlöffel"

Am 5. Dezember feierten wir im Ökumenischen Zentrum mit vielen Gästen den 1. Geburtstag des „Kochlöffel“. Der Tag gab uns die Gelegenheit, zusammen mit unseren Kooperationspartnern von der katholischen Kirchengemeinde Liebfrauen, den altorientalischen Christen „Sankt Michael“ sowie dem Bewohnernetzwerk für soziale Fragen (BSF) auf eine bewegte und spannende Zeit zurückzuschauen und mit Freude zu sehen, wie sich das Projekt bislang entwickelt hat. 

Unsere Erwartungen hat der „Kochlöffel“ übertroffen, was die Anzahl unserer Gäste, aber auch das Team der Ehrenamtlichen angeht. In beiden Bereichen sind wir sowohl von der Resonanz als auch dem stetig wachsenden Team überrascht worden. 

Aktuell besuchen bis zu vierzig Personen den Kochlöffel. Davon sind gut zwei Drittel Stammkunden aus allen Bereichen des Stadtteils. Die Zusammensetzung ist so bunt wie der Stadtteil. Jeden Donnerstag treffen sich Ältere und Junge. Menschen, die finanziell abgesichert sind und vor allem die Gemeinschaft suchen, treffen auf Menschen, die in prekären finanziellen Verhältnissen leben. Ein erheblicher Teil unserer Gäste hat Migrationshintergrund. Das macht den Reiz dieses Angebots aus. 

Das gilt in gleicher Weise von dem Team. Mittlerweile zählen 25 Freiwillige dazu, die zum Großteil nicht zu unserer Kirchengemeinde gehören, sich aber stark mit dem Projekt identifizieren. Sie bringen sich nach ihren Möglichkeiten ein, dafür bieten wir ihnen Fortbildungsangebote der Freiwilligenagentur sowie regelmäßig stattfindende Treffen. Die Treffen dienen der Beteiligung der Ehrenamtlichen an wichtigen Entscheidungsprozessen und bieten Raum für Anregungen und Kritik.

In diesem Jahr nahm das Team unter anderem am Richtsberger Suppenfest teil sowie am Elisabeth-Sozialmarkt und dem Integrationswettbewerb „Move it!“ der Stadt Marburg. Über diese öffentlichkeitswirksamen Aktionen versuchen wir, ein Zeichen für das sozial-diakonische Engagement evangelischer Kirchengemeinden in Marburg zu setzen, die sich auch auf anderen Feldern wie z. B. dem Kirchenasyl bewährt hat.

Aus dem Projekt heraus haben sich Gäste zu einem Spielkreis zusammengefunden, der sich nun regelmäßig zum Spielen im Ökumenischen Zentrum treffen wird. Einige Mitglieder des Kochlöffel-Teams kommen ab und an zu einem offenen Gesprächsabend zusammen.

Neben dem Erfreulichen gibt es auch Herausforderungen. Dazu zählen weiterhin die Finanzierung des Projekts sowie die fehlende Küche. Bislang hatten wir mit dem Caterer „Integral“ einen verlässlichen und guten Partner, und die Zusammenarbeit konnten wir bis Ende 2020 sichern. Zu den Zielen des Projekts gehört allerdings, dass das Team eigenständig kocht. Dazu benötigen wir aus Mangel an einer eigenen geeigneten Küche einen Kooperationspartner, der eine Großküche vorhält. Die Suche nach einem Partner erweist sich als zäh.

Wir sind sehr dankbar für die Anschubfinanzierung, die uns der Kirchenkreis gewährte, und über Spenden und Kollekten. Mit den Mitteln stehen wir bis Mitte nächsten Jahres auf festen Füßen. Aber auch darüber hinaus hoffen wir auf eine Zukunft für den „Kochlöffel“ im Interesse unserer Gäste und natürlich des Teams.

Hallo, ich bin ...

… Ramzi Aljat! Ramzi ist unser Koch. Ursprünglich hat er eine Ausbildung zum Funktechniker gemacht und in diesem Beruf gearbeitet. Weil man aber in Damaskus, wo er herstammt, mit 2 Jobs besser lebt, hat er abends noch in der gehobenen Gastronomie gearbeitet. Diese Erfahrungen nahm er 1991 mit nach Deutschland und arbeitete zeitweise als Geschäftsführer von syrischen Restaurants. Am „Kochlöffel“ gefällt ihm die Gemeinschaft zwischen Team und Gästen, die offene und freundliche Atmosphäre und das ökumenische Miteinander. Das wird bei Ramzi und im „Kochlöffel“ groß geschrieben; wichtig ist der Respekt voreinander.

Denn neben dem „Kochlöffel“ ist Ramzi Aljat in verschiedenen Gremien aktiv, u. a. vertritt er die orientalischen Christen des Vereins „Sankt Michael“ in der Marburger Öffentlichkeit. In diesem Verein herrscht auch eine große ökumenische Offenheit. Er ist außerdem Mitglied des Pfarrgemeinderats der katholischen Liebfrauengemeinde und des Vorstands des Bewohnernetzwerks für soziale Fragen (BSF e. V.). Sein Wunsch für den „Kochlöffel“ ist ein großes Sommerfest mit vielen Gästen und viel Sonnenschein. Vielleicht klappt es ja.

Projektbeschreibung

Projektkontext

Die Evangelische Kirche am Richtsberg ist Kirche im und für den Stadtteil Richtsberg. Als solche nimmt sie teil an der Gemeinwesenarbeit, die von der Stadt Marburg unterstützt und durch Vereine und Initiativen betrieben wird. Durch die Kooperation ist es möglich geworden, das Zusammenleben der ca. 9.000 Einwohner mit oder ohne Migrationshintergrund auf eine gute Basis zu stellen. Der Schwerpunkt der kirchengemeindlichen Arbeit liegt im sozial-diakonischen Aufgabenfeld. 

Neben der aufsuchenden Jugendarbeit möchte die Kirchengemeinde den Herausforderungen im Stadtteil durch weitere Angebote gerecht werden. Der Impuls zur Projektidee „Gemeindemittagstisch“ kam von Stadtteilbewohner*innen, die eine Suppenküche als Treffpunkt für Bedürftige anregten. Der Plan, einen Mittagstisch anzubieten, wurde 2017 konkreter gefasst, als ein Kirchenvorstandsmitglied, vom Kirchentag in Berlin Anregungen für den Gemeindemittagstisch mitbrachte und sie im Kirchenvorstand vorstellte. 

Eine Gruppe aus dem Kirchenvorstand besuchte daraufhin im August 2017 den Gemeindemittagstisch in Treysa, um sich über das dortige Projekt zu informieren. Vor allem das ehrenamtliche Engagement, aber auch die Idee, durch Essen Gemeinschaft und Teilhabe zu ermöglichen und das Wagnis, das Essen zu einem Symbolpreis auszugeben und dennoch kostendeckend zu arbeiten, überzeugte.

Der Kirchenvorstand entschied nach eingehender Diskussion, direkt in die Planungen für einen Mittagstisch einzusteigen, weil es in dieser Form auf dem Richtsberg kein vergleichbares Angebot gibt. Das Ziel des Projektes soll sein, Menschen unabhängig von Alter, Geschlecht, religiöser, kultureller oder ethnischer Zugehörigkeit anzusprechen, ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen und soziale Armut zu bekämpfen. 

Das Projekt wird mittlerweile von einem Ausschuss begleitet, der sich aus Mitgliedern der beiden im Ökumenischen Zentrum beheimateten Kirchengemeinden (Liebfrauen und Evangelische Kirche am Richtsberg), der syrisch-katholischen Gemeindegruppe „Orientalische Christen Sankt Michael“ und dem Ortsbeirat zusammensetzt. Die Einsetzung eines Begleitausschusses unter Beteiligung sämtlicher Kooperationspartner wurde schon beim Richtsberg Mobil etabliert und hat sich bis heute bewährt. Die Erfahrungen aus dem Begleitausschuss „Richtsberg Mobil“ haben wir für den Gemeindemittagstisch übernommen. Der Begleitausschuss „Gemeindemittagstisch“ ist für die konzeptionelle Planung und Vorbereitung zuständig. Er soll das Projekt weiterentwickeln und Ansprechpartner für den Kreis der Ehrenamtlichen und die Kooperationspartner sein. 

Der Gemeindemittagstisch ist konzeptionell darauf ausgerichtet, ein Angebot „von Richtsbergern für Richtsberger“ zu sein. Wir möchten Bewohner*innen zur ehrenamtlichen Mitarbeit motivieren und ihnen damit Teilhabe an der Gemeinwesenarbeit ermöglichen. Neben dem Begleitausschuss hat sich ein 25-köpfiges Team aus Mitarbeitenden gebildet, die fast alle auf dem Richtsberg beheimatet sind und die kulturelle Vielfalt auf dem Richtsberg abbilden. Die Ehrenamtlichen stammen aus Deutschland, Syrien, dem Irak, Polen, Spanien und den GUS-Staaten. Das Alter reicht von Mitte zwanzig bis achtzig Jahre. 

Das Team trifft sich alle 2 Monate, um über die Erfahrungen im Projektalltag zu sprechen, Anregungen und Kritik zu formulieren und an den Begleitausschuss weiterzugeben. Der Gemeindemittagstisch soll mittelfristig von dem Team organisiert, durchgeführt und damit zur Identifikationsmitte werden. Das Projekt verfolgt so gesehen das „Bottom-Up“-Prinzip und hat großes Potential, das Miteinander über die Arbeit hinaus zu stärken. Eine aus Syrien stammende Muslima, die von der Freiwilligenagentur vermittelt wurde und sich zur Mitarbeit entschieden hat, kann zum ersten Mal eine Arbeit aufnehmen und Kontakt zu anderen Stadtteilbewohner*innen knüpfen. 

Der Gemeindemittagstisch als ökumenisches Projekt

1973 weihten die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und das Bistum Fulda das erste ökumenische Gemeindezentrum Deutschlands am Richtsberg ein. Der Bau sollte nach den Maßstäben der Architekten und der Bauherrn als „Modell der Kirche der Zukunft“ gelten. Diese Hoffnung war auch mit einer gemeinsamen Gemeindearbeit in dem noch jungen Stadtteil verbunden. In den ersten Jahrzehnten wurde diese Herausforderung mit Ehrgeiz und vielen guten Veranstaltungen angenommen. In den vergangenen Jahren beschränkte sich die Zusammenarbeit allerdings auf gemeinsame Gottesdienste an den Schaltstellen des Jahres und in einem Bau- und Nutzungsausschuss. Immer wieder haben Gemeindeglieder den Wunsch geäußert, die Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinde möge intensiviert werden. 

Anlässlich der Einweihung des ökumenischen Gemeindezentrums wurde die Frage nach der Zukunft einer solchen Zusammenarbeit gestellt: „Was wird der Bau kommenden Generationen bringen?“ Wir möchten sie gern positiv füllen, und das in den Herausforderungen, denen sich beide Kirchen gegenwärtig gegenübersehen. Daher hat der Arbeitskreis, der die Planungen für den Gemeindemittagstisch in die Hand nahm, frühzeitig den Kontakt zur katholischen Seite aufgenommen und Möglichkeiten für eine Kooperation sondiert. 

Nach ersten Gesprächen hat der Gemeindekirchenrat der Liebfrauengemeinde, in deren Pfarrbezirk der Richtsberg liegt, die Mitarbeit im ehrenamtlichen Bereich zugesagt. Unter anderem werden Mitglieder der „Orientalische Christen Sankt Michael“, eine syrisch-katholische Gemeindegruppe, die in der Liebfrauenkirche verortet ist, die Arbeit im Projekt unterstützen.

Als weiterer Kooperationspartner konnte wie schon bei dem „Richtsberg Mobil“ das BSF gewonnen werden. 

Projektumsetzung

Einmal in der Woche bietet ein Team aus Freiwilligen aus den Kirchengemeinden und dem Stadtteil im Ökumenischen Zentrum ein Mittagessen an. 

Das Essen beziehen wir über einen Caterer. Die Kirchengemeinde konnte die Firma „Integral“ für die Zusammenarbeit gewinnen. „Integral“ unterhält in der Richtsberg-Gesamtschule und im Landratsamt  Küchen, in denen das Mittagessen für die Schüler*innen bzw. Angestellten frisch zubereitet wird. Die Speisen werden dann von den Küchen zum Ökumenischen Zentrum in besonderen Wärmecontainern transportiert. 

Das Essen wird vor Ort ausgegeben. Der Preis für ein Mittagessen soll EUR 1,50 nicht überschreiten, damit die Teilnahme am Mittagessen nicht an der finanziellen Situation der Gäste scheitert. Dennoch soll der Gemeindemittagstisch keine Suppenküche oder eine Variante der Tafel, sondern in erster Linie ein altersübergreifender Ort der Begegnung und der Gemeinschaft sein. 

Es ist uns sehr wichtig, dass wir mit dem Projekt einen nachhaltigen und langzeitigen Weg beschreiten und die Gemeinwesenarbeit im Stadtteil unterstützen. Mit unserem Antrag auf Fördermittel möchten wir den Gemeindemittagstisch auf ein solides Fundament stellen, damit sich das Projekt nach der Förderung selbst tragen kann.

Der "Kochlöffel" Steht allen Bewohner*innen des Richtsbergs offen. Dabei haben die Initiator*innen bewusst auch den hohen Anteil an Bewohner*innen mit Migrationshintergrund im Auge. Idealerweise soll der Gemeindemittagstisch von Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Religionszugehörigkeit, Kultur und Sprache in Anspruch genommen werden. Der Gemeindemittagstisch Richtsberg könnte ein „Ansprechpartner“ für neu zugezogene Flüchtlingsfamilien sein und durch sein Beratungsangebot (s.u.) eine wichtige Lücke zur Integration schließen. In dieser Hinsicht hoffen wir auf die gute Verzahnung mit der katholischen Kirche und den syrischen Christen Sankt Michael.  

Projektziele

Das gemeinwesenorientierte und diakonische Profil unserer Kirchengemeinde mit Blick auf den Kontext unseres Stadtteils führt zu 4 Grundpfeilern unseres Projekts „Gemeindemittagstisch Richtsberg“: 

·     Das Angebot soll durch Niederschwelligkeit geprägt und dadurch für die Bewohner*innen des Stadtteils einladend sein.

·     Das Angebot der Mitwirkung. Interessierte Stadtteilbewohner*innen werden angesprochen und eingeladen, das Team der Ehrenamtlichen zu verstärken. So können Menschen, die nach einer sinnvollen Betätigung suchen, in das Projekt integriert werden. 

·     Für die Verwirklichung wird die Kooperation mit der katholischen Kirchengemeinde Liebfrauen gesucht, die Nutzungspartner im Ökumenischen Zentrum ist. Außerdem soll ein Partner aus dem diakonischen Bereich gesucht werden, der eine innovative, sozialräumliche und netzwerkbasierte Gemeinwohlorientierung ermöglicht. Als weitere Kooperationspartner sind das Diakonische Werk Marburg-Biedenkopf und der Sankt Elisabeth-Verein angedacht, der mit der Kirchengemeinde im Bereich der früheren Emmauskirche kooperiert. Seit 2016 ist der Sankt Elisabeth-Verein durch Erbbau-Vertrag Besitzer der Emmauskirche und hat dort den Fachdienst „Oikos“ verortet, der auch auf dem Richtsberg eine mobile psychiatrische Tagesbetreuung unterhält. Sie bieten sich bezogen auf den Stadtteil und die damit verbundenen Herausforderungen geradezu an.

·     Durch nachhaltige Begleitung und Förderung kann die Inklusion von sozial-benachteiligten Menschen, die schon lange im Stadtteil wohnen, als auch derjenigen, die als Zugezogene oder Geflüchtete ihren Platz im neuen Umfeld suchen, gelingen. 

So ermöglicht das Projekt:

·       Ökumenische und interkulturelle Zusammenarbeit

·       Teilhabe am gesellschaftlichen und gemeindlichen Leben unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion oder sozialem Hintergrund

·       Begegnung, Begleitung und Unterstützung von Menschen in ihrem Sozialraum

·       Vermittlung von Beratungs- und Hilfsangeboten (z.B. Diakonisches Werk, Schuldner- und Sozialberatung usw.)

·       Förderung einer Willkommenskultur und des Miteinanders 

Projektablauf

2017:   Absprachen und Abstimmung mit dem Fachdienst für Verbraucherschutz und Lebensmittelkontrolle des Landkreises Marburg Biedenkopf, Diakonisches Werk Marburg-Biedenkopf, Sankt Elisabeth-Verein, Gesamtverband Marburg, Katholische Liebfrauenkirche, BSF e.V., CenTral e.V.

2018:   geplanter Projektstart als Kooperation von Ev. Kirchengemeinde und anderen Kooperationspartnern (Ziel: Teilhabe am gesellschaftlichen Leben)

2019: Etablierung des Projekts durch Fortbildung der ehrenamtlichen Mitarbeitenden und Ausbau des Angebots, u.a. Beratung.

Spendenkonten

Spenden unter dem Stichwort „Gemeinde Am Richtsberg“ an das Kirchenkreisamt Kirchhain-Marburg.

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Kontakt

Gemeindebüro
Chemnitzer Str. 2
35039 Marburg
Telefon: 06421-419 90

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